18.10.2024
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Sie sehen, wie während einer Hochzeit die Ringe angesteckt werden.

Dokument-Nr. 29080

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Beschluss22.07.2020BundesgerichtshofXII ZB 131/20
Vorinstanzen:
  • Amtsgericht Berlin-Tempelhof-Kreuzberg, Beschluss14.11.2018, 160 F 13324/18
  • Kammergericht Berlin, Beschluss20.02.2020, 3 UF 137/18
ergänzende Informationen

Bundesgerichtshof Beschluss22.07.2020

Trotz Kinderehe-Verbot - BGH bestätigt Ehe, die mit 16 Jahren geschlossen wurdeBGH entscheidet zur Frage der Aufhebbarkeit einer Auslandsehe mit einer bei Eheschließung 16-jährigen Ehefrau

Eine im Ausland geschlossene Ehe mit einer 16-Jährigen kann von deutschen Behörden nicht ohne weiteres aufgehoben werden. Lebt die Jugendliche nach ihrer Eheschließung und nach Erreichen ihrer Volljährigkeit mit ihrem Ehemann viele Jahre in Deutschland, spricht dies dafür, dass sie die Ehe auch weiter gewünscht hat. Dies hat der Bundes­ge­richtshof entschieden.

Der unter anderem für das Familienrecht zuständige XII. Zivilsenat des Bundes­ge­richtshofs hatte sich erneut mit dem seit dem 22. Juli 2017 geltenden Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen zu befassen. Mit Beschluss vom 14. November 2018 hatte er dem Bundes­ver­fas­sungs­gericht (dortiges Aktenzeichen 1 BvL 7/18) die Frage vorgelegt, ob die Qualifizierung einer unter Beteiligung eines nach ausländischem Recht ehemündigen, bei Eheschließung noch nicht 16 Jahre alten Minderjährigen geschlossenen Ehe nach deutschem Recht ohne einzel­fa­ll­be­zogene Prüfung als Nichtehe verfas­sungsgemäß ist. Nun war zu klären, unter welchen Voraussetzungen die Auslandsehe einer bei Eheschließung 16, aber noch nicht 18 Jahre alten Person nach deutschem Recht aufhebbar ist. Der Bundes­ge­richtshof ist dabei im Wege einer sog. verfas­sungs­kon­formen Auslegung zu dem Ergebnis gelangt, dass dem Gericht bei der Aufhe­bungs­ent­scheidung ein eingeschränktes Ermessen eingeräumt ist.

Ehefrau war bei Eheschließung erst 16 Jahre alt

Die Ehegatten, damals beide libanesische Staats­an­ge­hörige moslemischen Glaubens, schlossen im September 2001 im Libanon die Ehe. Der Ehemann war 21 Jahre alt, die Ehefrau stand rund zwei Monate vor ihrem 17. Geburtstag. Sie lebte damals bereits in Deutschland und erwarb im Jahre 2002 die deutsche Staats­an­ge­hö­rigkeit. Im August 2002 folgte der Ehemann seiner Ehefrau nach Deutschland, wo die Ehegatten von April 2003 bis Juni 2016 zusammenlebten und vier Kinder (geboren 2005, 2008, 2009 und 2013) bekamen. Seit der Trennung der Ehegatten leben die vier Kinder im Haushalt der Mutter, die einen neuen Lebensgefährten hat. Die Ehegatten sind inzwischen nach islamischem Recht geschieden. Anlässlich einer standes­amt­lichen Beurkundung im Oktober 2018 teilte die Ehefrau auf Nachfrage der Standesbeamtin mit, die Ehe nicht fortsetzen zu wollen. Daraufhin hat die zuständige Behörde beim Amtsgericht beantragt, die Ehe aufzuheben, weil die Ehefrau bei Eheschließung minderjährig gewesen sei. Dieser Antrag ist in beiden Vorinstanzen ohne Erfolg geblieben.

Überlegungen des BGH zum Eheauf­he­bungsgrund

Der Bundes­ge­richtshof hat die dagegen von der zuständigen Behörde eingelegte Rechts­be­schwerde zurückgewiesen. Die Aufhebbarkeit der im Libanon wirksam geschlossenen Ehe ist mangels insoweit einschlägiger Überlei­tungs­vor­schriften anhand der Rechtslage zu beurteilen, die durch das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen geschaffen worden ist. Nach § 1314 Abs. 1 Nr. 1 BGB liegt ein Eheauf­he­bungsgrund vor, wenn die Ehe entgegen § 1303 Satz 1 BGB mit einer bei Eheschließung zwar mindestens 16, aber noch nicht 18 Jahre alten Person geschlossen wurde. Ein gesetzlicher Ausschluss der Eheaufhebung nach § 1315 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BGB ist nicht gegeben. Denn die Ehefrau hat die Ehe nach Erreichen der Volljährigkeit nicht in dem Bewusstsein bestätigt, dass sie diese wegen des Einge­hungs­mangels zur Auflösung bringen kann oder dass Zweifel an ihrer Gültigkeit bestehen und sie durch ihr Verhalten ein möglicherweise vorhandenes Aufhebungsrecht aufgibt. Die Eheaufhebung würde auch nicht auf Grund außer­ge­wöhn­licher Umstände eine so schwere Härte für die Ehefrau bedeuten, dass die Aufrecht­er­haltung der Ehe ausnahmsweise geboten erscheint.

Gericht hat hier hinsichtlich der Eheaufhebung ein Ermessen

Als Rechtsfolge der Eheauf­heb­barkeit regelt das Gesetz in § 1314 Abs. 1 BGB allerdings, dass die Ehe aufgehoben werden "kann". Nach zutreffendem Verständnis wird damit dem Gericht ein Ermessen eingeräumt, bei Eheschließung durch einen mindestens 16 Jahre alten Minderjährigen trotz des darin liegenden Verstoßes gegen die Bestimmung zur Ehemündigkeit von der Eheaufhebung abzusehen. Das folgt aus einer verfas­sungs­kon­formen Auslegung, nach der von mehreren Ausle­gungs­mög­lich­keiten diejenige den Vorrang hat, bei der die Rechtsnorm mit der Verfassung im Einklang steht. Ein fehlendes gerichtliches Ermessen würde in den Fällen der Eheaufhebung wegen Verstoßes gegen das Erfordernis der Ehemündigkeit hingegen zur Verfas­sungs­wid­rigkeit der Norm führen. Denn die - außer bei Vorliegen eines Aufhe­bungs­aus­schlusses - zwingende Eheaufhebung würde eine verfas­sungs­widrige Ungleich­be­handlung sowohl mit nach deutschem Recht geschlossenen Ehen als auch mit Auslandsehen darstellen, bei denen ein Ehegatte bei Eheschließung jünger als 16 Jahre war. Zudem wäre eine solche Regelung unvereinbar mit dem von Verfassungs wegen gebotenen Minder­jäh­ri­gen­schutz und verstieße gegen den verfas­sungs­recht­lichen Vertrau­ens­schutz. Dem ist mit einer Geset­zes­aus­legung zu begegnen, nach der das Gericht von einer Eheaufhebung ausnahmsweise absehen kann, wenn feststeht, dass die Aufhebung in keiner Hinsicht unter Gesichtspunkten des Minder­jäh­ri­gen­schutzes geboten ist, sondern vielmehr gewichtige Umstände gegen sie sprechen.

BGH: Ehe wurde viele Jahre gelebt - hier keine Eheaufhebung - Scheidung möglich

Im zu entscheidenden Fall führt diese Ermes­sens­ausübung zum Absehen von der Eheaufhebung. Umstände, die eine solche zum Schutz der bei Eheschließung fast 17jährigen Ehefrau gebieten würden, liegen nicht vor. Vielmehr ist sie inzwischen 35 Jahre alt, hat die fast 14 Jahre des ehelichen Zusammenlebens mit dem Antragsgegner ausschließlich in Deutschland verbracht und nach Erreichen der Volljährigkeit mit diesem zusammen vier eheliche Kinder gezeugt. Eine Eheaufhebung würde mithin in krassem Gegensatz zu der langjährig bewusst im Erwach­se­ne­nalter gelebten Famili­en­wirk­lichkeit stehen. Soweit die Ehefrau die Aufhebung der langjährig gelebten Ehe wünscht, führt dies zu keinem anderen Ergebnis der Ermes­sens­ausübung, weil sie über die Aufhebung der Ehe nicht disponieren kann. Vielmehr steht ihr insoweit die Scheidung der Ehe offen.

Quelle: Bundesgerichtshof, ra-online (pm/pt)

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